Wir über uns - das Essener Frauenbündnis
Eine kurze Geschichte in Jahresdaten
Teil 1: 1995-1999

1995

"Wer rechnen kann, rechnet mit uns!"

"1. Essener Stadtkonferenz zur Frauenpolitik"

Unter diesem Motto bevölkerten am 20. Januar 1995 Frauen und Männer das Essener Rathaus.
Das Essener Frauenbündnis hatte nach intensiver Vorbereitung eingeladen, um gemeinsam ein Signal dafür zu setzen, dass mit dem Sachverstand, der Fachlichkeit, der sozialen Kompetenz, aber auch mit dem Kampfgeist der Essener Frauen zu rechnen ist. Ausgangspunkt dafür war, dass sich durch finanzielle Engpässe Einschränkungen in der Lebens- und Arbeitsqualität für Essener Bürgerinnen drohend am städtischen Haushalts"himmel" abzeichneten.

Essener Frauen wollten nicht länger "Schweigende Mehrheit" sein, sondern sich mit eigenen Vorschlägen in die herrschende Spardebatte einbringen, die das "Aus" für viele Projekte von und für Frauen befürchten ließ.

Die Konferenz wurde zu einem großen Erfolg. Die Besucher und Besucherinnen diskutierten intensiv in den angebotenen Foren zur

  • Erwerbs- und Arbeitssituation von Frauen
  • Vereinbarkeit von Beruf und Familie
  • Psychosozialen Versorgung von Frauen in Essen.
  • Situation von Frauen in Kunst und Kultur

Sie suchten und fanden gemeinsame Sichtweisen und Positionen. Nicht zuletzt bescherte die neunmonatige Vorbereitungszeit den vielen beteiligten Frauen neue Erfahrungen und Erkenntnisse. Vertreterinnen aus unterschiedlichsten Frauengruppen haben gemeinsam an einem Tisch gesessen; manche erfuhren hier gegenseitig zum ersten Mal von ihrer Existenz und den Inhalten ihrer Arbeit. Gesichter ersetzten anonyme Organisationsnamen, was die Zusammenarbeit erleichterte und den Weg für weitere gemeinsame Aktionen öffnete.

1996

"Essener Frauendebatte"

Das Essener Frauenbündnis setzte die gemeinsame Arbeit fort und verabschiedete die Durchführung der Veranstaltungsreihe "Essener Frauendebatte". Im Rahmen einer jährlichen Schwerpunktsetzung sollen zu speziellen, aktuellen Themen Erfahrungen ausgetauscht, Sachstände diskutiert und gemeinsame Sichtweisen erarbeitet, im Rahmen einer Veranstaltung öffentlich gemacht und dokumentiert werden.

"Die Armut ist weiblich oder Trotz Fleiß keinen Preis"

Die Diskussion der Sparpolitik und ihre Auswirkungen auf die Situation von Frauen eröffnete die Veranstaltungsreihe. Unter der überschrift "Die Armut ist weiblich oder Trotz Fleiß keinen Preis" stellten die Veranstalterinnen die Situation vor und eröffneten die Diskussion über den Handlungsbedarf zur Verhinderung weiterer Verschlechterungen.

Als Ergebnis dieses Forums verabschiedeten die zahlreichen Teilnehmerinnen eine Resolution, in der sie die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker aufforderten, konkrete Schritte gegen die zunehmende Armut von Frauen zu unternehmen.
Sie forderten u.a.

  • die Schaffung von ausreichenden und existenzsichernden Arbeitsplätzen für Frauen
  • die Umsetzung von Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie
  • eine bessere Absicherung von Frauen in Trennungs- und Scheidungssituationen
  • ausreichende und bezahlbare Wohnungen.

Die Kernaussage lautete:
Frauenpolitik darf keine Luxuspolitik für Zeiten ökonomischen und sozialen Wohlstandes sein. Sie muß auch in ökonomischen Krisensituationen fester Bestandteil aller Politikbereiche bleiben, um dem Ziel der Gleichberechtigung von Frauen in unserer Gesellschaft gerecht zu werden.

1997

"Bitte einsteigen! Stationen von Frauen auf dem Weg ins Erwerbsleben"

Anknüpfend an das vorjährige Thema der weiblichen Armut focussierte das Bündnis in der "Essener Frauendebatte" 1997 den Blick auf die Chancen von Frauen, ihre Existenzsicherung durch Erwerbsarbeit sicherzustellen.

Die Berichterstattung über die im Vergleich zu Männern geringere Arbeitslosenquote von Frauen und die statistisch nachgewiesene Steigerung ihrer Erwerbsbeteiligung suggerierten in der Öffentlichkeit, dass die Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt in Essen doch sehr zufriedenstellend sei - mit der Gefahr, dass hier kein Handlungsbedarf (mehr) gesehen wird.

Die Erfahrungen der Bündnisfrauen aus ihrer alltäglichen (Beratungs-)Arbeit und differenzierte Analysen der Situation (z.B. zu Teilzeitarbeit, "stille Reserve") machten jedoch sehr deutlich, mit welchen Problemen Frauen beim beruflichen Einstieg und Wiedereinstieg zu kämpfen hatten (und haben).

Die Veranstaltung sollte
  • über die nach wie vor bestehenden Hürden auf dem Weg ins Erwerbsleben informieren und die öffentliche Diskussion (wieder) anregen,
  • aufzeigen, wie Hürden genommen werden können, anhand von Beispielen von Frauen, die "auf-, um-, ab- oder dazugestiegen" sind und ihren Weg trotz allem gemacht haben

also nicht nur informieren und "anklagen", sondern auch Mut machen.

Dazu trug auch das parallel zur Veranstaltung laufende Info-Cafe bei, das den Frauen die Möglichkeit bot, sich über Beratungs- und Qualifizierungsangebote zu informieren und persönlichen Kontakt zu "Fachfrauen" und Beraterinnen aufzunehmen.

Die Anzahl der Teilnehmerinnen, ihre Beteiligung an den Diskussionen, ihre positiven Rückmeldungen und nicht zuletzt auch die Berichte in den Medien zur Veranstaltung haben bestätigt, dass das Frauenbündnis wieder ein wichtiges, aktuelles Thema aufgegriffen und gelungen in eine Frauendebatte umgesetzt hatte.

1998

"Weil wir es uns wert sind!"
1.Essener Frauengesundheitstage

Der Schwerpunktansatz des Frauenbündnisses im Jahr 1998 war die Auseinandersetzung mit der Thematik "Frauen und Gesundheit". Die Diskussionen innerhalb des Bündnisses und die Recherchen in der Fachliteratur machten deutlich, dass die Gesundheit von Frauen von den Lebensbedingungen in unserer Gesellschaft, den darin eingebundenen Anforderungen, nierungen und Widersprüchen beeinflusst wird. Die Konsequenz daraus ist die Forderung, dass Ansätze für eine geschlechtsspezifische Gesundheitsförderung entwickelt bzw. weiterentwickelt werden müssen, die als lebensweltbezogene Prävention die gesundheitsgerechte Gestaltung aller Lebensbereiche von Frauen ermöglicht.

Die Veranstaltung "Weil wir es uns wert sind!" fand an zwei aufeinanderfolgenden Tagen statt. Insgesamt wurden 27 verschiedene Workshops und Vorträge angeboten, die alle auf großes Interesse stießen. Die Angebotspalette umfasste alternative Heilmethoden ebenso wie neue Ansätze in der Schulmedizin, gemeinsam hatten alle Kurse den Schwerpunkt der geschlechtsspezifischen Gesundheitsprävention.

Die positive Resonanz der Teilnehmerinnen, bei denen es sich, wie vom Frauenbündnis erhofft, hauptsächlich um Essener Bürgerinnen quer durch alle Altersstrukturen handelte, zeigte, dass die Problematik "Frauen und Gesundheit" ein für Essen attraktives und relevantes Thema ist. Auf vielfachen Wunsch der Teilnehmerinnen sowie der Fachreferentinnen hat die Gleichstellungsstelle der Stadt Essen das vom Frauenbündnis aufgegriffene Thema weiterverfolgt und die 2. und mittlerweile 3. Essener Frauengesundheitstage durchgeführt.

1999

"Frauen und Lokale Agenda 21"

Im Rahmen der Aktivitäten zur Lokalen Agenda in Essen hat das Frauenbündnis das Fachforum 6 begründet und ein Projekt mit dem Titel Belebung der Innenstadt aus Frauensicht - Frauen gestalten Plätze entwickelt und in mehreren Schritten umgesetzt.

Belebung der Innenstadt aus Frauensicht

Das Fachforum 6 "Frauen" der lokalen Agenda 21 in Essen
Nach den Grundsätzen des Agendaprozesses gilt es bei allen Aktivitäten, Frauenbelange und -interessen in allen Bereichen als Querschnittsaufgabe mitzudenken und zu berücksichtigen.

Die ersten Erfahrungen zeigten jedoch, dass auch in diesem Feld Theorie und Praxis weit auseinander liegen können.

Die Beschränkung des Agenda Prozesses auf den Stadtteil Altendorf und der beginnende Diskussionsprozess zu Ideen und Vorstellungen zur Umsetzung, machten deutlich, dass ein Fachforum Frauen aus Sicht des Frauenbündnisses notwendig war.

Die im Frauenbündnis engagierten Frauen wollten sich auf die Innenstadt als gemeinsamen Lebens- und Arbeitsraum beziehen und hatten nicht genug Ressourcen, um in allen anderen 5 Foren so intensiv mitzuarbeiten, dass eine Berücksichtigung von Fraueninteressen gewährleistet gewesen wäre. So wurden die Kräfte in einem Forum gebündelt.

Das Fachforum wurde gegründet und arbeitete eng mit dem Essener Frauenbündnis zusammen. Interessierte Frauen mit neuen Ideen und Zukunftswünschen waren herzlich willkommen.

Die Zukunftswerkstatt
"Belebung der Innenstadt aus Frauensicht", 23. / 24. April 1999

Im April 1999 wurde eine Zukunftswerkstatt durchgeführt.
Frauen aus dem Frauenbündnis haben gemeinsam mit Frauen, die ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in der Innenstadt haben, folgende Fragestellungen bearbeitet:
- Was stört Euch in der Innenstadt?
- Was würdet Ihr ändern, wenn Ihr was zu sagen hättet?
- Was würde das Leben angenehmer gestalten?
- Das Erscheinungsbild sollte anders sein - ich wünsche mir ...
- Was meint Ihr, wie könnte man die Innenstadt beleben?

Nach einer Kritik- und Fantasiephase lässt sich als Ergebnis festhalten:

Es sind die Plätze und Plätzchen, die der Stadt ein Gesicht geben. Sie sind die Orientierungs- und Anziehpunkte. Sie sind es, die eine lebendige Stadt schaffen mit Treffpunkten, Aufenthalts- und Kommunikationsorten, die sich im Sommer und Winter anbieten.

Der Stadtrundgang

Stadtrundgang im Rahmen der Lokalen Agenda 21, 7.Juni 1999

Als Ergebnis der Zukunftswerkstatt und der anschließenden Diskussion im Essener Frauenbündnis wurde zu einem Stadtrundgang in der Essener Innenstadt eingeladen.
Mit einer Gruppe von interessierten Frauen, ausgerüstet mit einem Stadtplan zur festgelegten Route und einem Bewertungsraster, das aus der Zukunftswerkstatt zum Thema abgeleitet werden konnte, haben wir uns auf den Weg gemacht und Plätze in der Essener Innenstadt angeschaut und eingeschätzt.

Kriterien des Stadtrundganges/Bewertung der Plätze
Innerhalb der Zukunftswerkstatt kristallisierten sich besondere zu folgenden Bereichen viele Anmerkungen, Hinweise und Unzufriedenheiten heraus
- Sicherheit
- Kommunikation
- Kinderfreundlichkeit
- Aufenthaltsqualität
- Gestaltung
- Verkehr

Dieser Auseinandersetzung folgte die Frage: "Was gehört zu einer frauenfreundlichen Stadt?" Entsprechend der Realisierungsphase II galt folgenden Bereichen innerhalb des Bewertungsrasters während des Stadtrundganges die besondere Aufmerksamkeit:
1. Atmosphäre
Verfügt der Platz über eine einladende Atmosphäre, über Kultur, Gastronomie?
2.Gestaltung
Ist der Platz angemessen beleuchtet? Wie ist er gestaltet? (Pflanzen, Wasser, Gehflächen und farbliche Gestaltung).
3. Angebote
Existieren Toiletten, Wickel- und Stillmöglichkeiten, Bänke, Sitzflächen, Kinderspielmöglichkeiten, Treffpunkte, Mülleimer, Erfrischungsstände?
4.Erreichbarkeit
Wie ist der Platz zugänglich? Ist er kinderfreundlich, behindertengerecht? Gibt es Anbindung durch den ÖPNV; wie wird er durch den Autoverkehr beeinflusst?

Die Bewertung durch die Frauen ließ erkennen, dass es vielen Plätzen der Essener Innenstadt an zumeist mehreren der genannten Elemente mangelt.

Beispielhaft sind hier zu nennen:

- Straßen- oder Wintergartengastronomie existiert auf den wenigsten Plätzen
- Viele Plätze sind belebt, was nicht unbedingt bedeutet, dass sie auch über eine einladende Atmosphäre verfügen
- Angebote lassen auf fast allen Plätzen Wünsche offen
- Die fehlende Anbindung an den ÖPNV wird bis auf einen Platz durchgehend bemängelt

Zur weiteren Umsetzung unserer Vorstellungen war der nächste Schritt die Planung und Durchführung eines Workshop an dem sich Bürgerinnen und interessierte Frauen aus Projekten und Institutionen, an der "exemplarischen" Gestaltung eines Platzes beteiligen konnten.

Betonen möchten wir an dieser Stelle nochmals, dass der Kopstadtplatz "exemplarisch" für die Plätze der Essener Innenstadt als Veranstaltungsort ausgewählt wurde. Ein besonderer Aspekt in der Platzwahl lag darin, dass er sich in einer Randlage befindet und vom Strom der Fußgängerzonen abgeschnitten ist.

Im Rahmen dieser Veranstaltung war die Möglichkeit gegeben, alle Ideen und überlegungen zu einem schönen, ansprechenden, interaktiven, frauenfreundlichen Platz in ein Modell einfließen zu lassen.

Die Veranstaltung "Frauen gestalten Plätze" - Aktion auf dem Kopstadtplatz,
Am 28.10.1999 war es soweit. Die Aktion auf dem Kopstadtplatz konnte beginnen. Zu den Elementen der Aktion gehörten:
- Gespräche mit den Menschen, die die Geschäfte rund um den Kopstadtplatz betreiben bzw. dort arbeiten.
- Die Ausstellung von Informationstafeln zur Lokalen Agenda und zu unserem Projekt.
- Ein Rahmenprogramm mit einem Freiluft-Cafe, eine Kinderspielaktion und eine Trommelanimation der Künstlerin Barbara Sering.
- Und im Mittelpunkt natürlich die Modellbautische für die Gestaltung eines idealtypischen Platzes in der Essener Innenstadt.

Im Rahmen dieser Veranstaltung war die Möglichkeit gegeben, alle Ideen und überlegungen zu einem schönen, ansprechenden, interaktiven, frauenfreundlichen Platz in ein Modell einfließen zu lassen.

Eindrücke aus der Modellbauwerkstatt

Viele Blickwinkel aus Frauensicht
An der Modellbauwerkstatt auf dem Kopstadtplatz nahmen am 28.10.1999 insgesamt 12 Frauen unterschiedlichen Alters teil. Die "Frauensicht" beinhaltete dabei nicht nur eine Sichtweise. Die Teilnehmerinnen brachten unterschiedliche Blickwinkel in die Werkstatt ein: Mütter von kleinen Kindern entwickelten besondere Ideen für Spielmöglichkeiten auf dem Platz, eine Frau mit Rolli (Rollstuhlfahrerin) achtete auf die Befahrbarkeit des Modell-Platzes und die Belagauswahl, andere Frauen brachten Ideen für eine besondere Ausstattung und Bepflanzung des Platzes in die gemeinsame Ideensammlung ein.

Ideen entstehen in Holz, Knete und Papier

Für alle Teilnehmerinnen war die Form der Ideensammlung und Umsetzung in einem Modell ungewohnt. Das spontane Basteln und Bauen mit Styropor, Klebstoff, Pappe, Hölzchen, Draht, Kieselsteinen und Knete fiel zunächst schwer. Doch nach einer kurzen Eingewöhnungszeit legten die zwei Arbeitsgruppen los.
In einer knappen Stunde entstanden zwei bunte, abwechslungsreiche Modelle für eine neue Platzgestaltung am Kopstadtplatz, die als Beispiel und Anregung für andere Platzgestaltungen im Stadtgebiet von Essen dienen sollen.

Planen vor Ort

Das Planen vor Ort und Stelle ist anschaulicher als das Planen auf Papier und aus der Distanz. So beschloss die eine Arbeitsgruppe, die den Verkehrslärm der um den Platz fahrenden Autos als sehr störend und ungemütlich empfand, die Straße kurzerhand zu kappen. Zusätzlich entstand die Idee, den Platz zur offenen, zugigen Seite hin mit einer weiteren Pergola und Baumbepflanzung zu rahmen.

Modellbau als Beitrag für eine "frauenfreundliche Stadt"

Die Ergebnisse beinhalten sicherlich viele Elemente, die nicht ausschließlich von Frauen für Frauen gedacht sind. Auch Männer und Väter von Kindern würden die Aufenthalts- und Spielmöglichkeiten solcher Plätze sicherlich schätzen. Die modellhafte Platzgestaltung spiegelt insgesamt die Gestaltungsideen und Prinzipien wieder, die schon bei der Zukunftswerkstatt "frauenfreundliche Stadt" zusammengetragen und als wichtig eingestuft wurden: Abwechslungsreiche Ausstattung, ausgeprägt spielerischer Anreiz der Ideen, Bedeutung von Pflanzen und Begrünung, Treffpunkte und Orte für Kommunikation.
Es ist wünschenswert, dass diese Modellbau-Ergebnisse als Anregungen für zukünftige Planungen in der Stadt Essen ein Echo finden.

Dokumentation

Die Dokumentation des Projektes wurde von Vertreterinnen des Frauenbündnisses dem Oberbürgermeister persönlich übergeben. Der Wunsch der Frauen ist es, dass die Ergebnisse in die weiteren Planungsprozesse in der Innenstadt einfließen und umgesetzt werden.